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Kunst, Kultur und Funktionalität

Aktualisiert: Mai 4

Als Architektin, Architekturkritikerin und Designerin gilt die in Thüringen geborene und in der Schweiz lebende Vera Purtscher wohl als eine der erfolgreichsten und renommiertesten Personen in ihrem Gebiet. Ihr Wissen durch jahrelange Erfahrung im Gestalten von Ausstellungen auf der ganzen Welt, in der Zusammenarbeit mit unterschiedlichsten international angesehenen Designern und Persönlichkeiten und vor allem durch ihr eigenes Design Atelier Vera Pure lässt sie zur Expertin werden, was Kunst, Kultur und Funktionalität angeht.

Mehr zu Vera und VERA PURE unter www.verapu.re


Gedankensplitter von Vera Purtscher


Gebeten, einer jungen, agilen, anpackenden Gruppe von muscon-Gründern einen Artikel zu diesem Thema zu verfassen, fand ich mich herausgefordert, eine kluge Definition zu finden - nein drei! Wie zu erwarten, ist kein Surrogat für die Definition von “Kunst” zu finden. Keines, das den Rahmen hier nicht sprengen würde. Einzig jene (meine Lieblingsdefinition), die meine Freundin und Keramikkünstlerin Margit Denz gerne zitiert:


“Kunst kommt von “Können”. Und wenn amol Epas kasch, denn ka´s jo würkle ke Kunscht meh si”

(übersetzt für Nicht-Vorarlberger: “Kunst kommt von “Können”. Und wenn man einmal Etwas wirklich “kann”, dann kann´s ja wohl keine Kunst mehr sein”)


Ein Großer der Weltliteratur (Tolstoi) weist auf einen wichtigen Faktor hin, der sehr zutreffend bei muscon im Vordergrund steht: “Um die Kunst exakt definieren zu können, darf man sie zuallererst nicht mehr als ein Mittel zum Genuss ansehen, sondern als eine Bedingung des menschlichen Lebens. Betrachten wir die Kunst aber so, dann müssen wir notwendigerweise erkennen, dass die Kunst ein Kommunikationsmittel der Menschen ist.” muscon sieht diesen Vernetzungsgedanken als zentral an. Der Austausch, die Kommunikation - mit welchen künstlerischen Techniken auch immer - steht im Vordergrund. Ich halte es in dem Zusammenhang für bezeichnend, dass Adorno die geschichtliche Entwicklung der modernen Kunst als Prozess der Auflösung von Sinnzusammenhängen interpretiert, welche durch Kunstwerke in der Vergangenheit einmal dargestellt wurden. Theodor Adorno verließ diese Welt 1969, also inmitten einer tiefgreifenden Kultur und Jugendrevolte. “Die offenen Formen der modernen Kunst sind eine Antwort des emanzipierten ästhetischen Bewusstseins auf das Scheinhafte und Gewaltsame solcher Sinn-Totalitäten”. Er spricht von der “Brüchigkeit” und der “Fragmenthaftigkeit” der kapitalistischen Gesellschaft. Diese Betrachtungsweise mag so manchem Zeitgenossen heute noch hilfreich sein, wenn er kopfschüttelnd vor einem zeitgenössischen Kunstwerk steht, das ihn ratlos zurück lässt. “Ratlosigkeit” scheint mir tatsächlich ein (zu) treffendes und gleichzeitig wirkmächtiges Wort zu sein in diesen Tagen, Wochen, Monaten - ja inzwischen schon mehr als einem Jahr- der Pandemie.


Wer maßt sich an, zu “wissen”? Wer maßt sich an, zu “urteilen”? Und in diesem Vakuum, in diesem Zustand des Sich-nirgends-mehr-festhalten-Könnens schafft Kunst uns Freiräume, lassen Sie es mich “Freiheiten” nennen. Jeder Mensch hat, vielleicht in unterschiedlichen Lebenssituationen auch unterschiedliche Kunst Sparten, die ihm “wohl tun”. Ob es nun geistige Anregung ist, mit erforderlicher intensiver wissenschaftlicher Beschäftigung und vertiefter Betrachtung des Dargebotenen, oder eher das Weg-Geleitet-Werden mittels akustischer oder optischer Eindrücke…unsere Sinneswahrnehmungen tragen uns fort. Fort vom Hier und Jetzt. Fort vom “Alltag”. Fort vom “Gewohnt-Gewöhnlichen”. Es ist somit ein Vorgang, der ohne weiteres als metaphysisch bezeichnet werden kann. Ich schlage hier nun die Brücke zur “Kultur”, für die es - anders als für “Kunst” - zahlreiche sehr taugliche Definitionen gibt.


1a [ohne Plural]

Gesamtheit der geistigen, künstlerischen, gestaltenden Leistungen einer Gemeinschaftals Ausdruck menschlicher Höherentwicklung

"die menschliche Kultur"


1b

Gesamtheit der von einer bestimmten Gemeinschaft auf einem bestimmten Gebiet während einer bestimmten Epoche geschaffenen, charakteristischen geistigen, künstlerischen, gestaltenden Leistungen

"die abendländische Kultur"


Im weitesten Sinne meint " Kultur " daher die vom Menschen durch die Bearbeitung der Natur mithilfe von planmäßigen Techniken selbst geschaffene Welt der geistigen Güter, materiellen Kunstprodukte und sozialen Einrichtungen. Wohl bedarf es keiner Erklärung, weshalb Kunst immer in einem nicht zu unterschätzenden Maß in eine (die eigene) Kultur eingebettet ist, aber vielfach das “Neue”, “Unbekannte” lockt und deshalb den Spagat zu anderen Kulturen schafft, was wiederum neue, verwobene, vielleicht auch verwirrende Kunst hervorbringen kann. Wir alle sind hineingeboren in eine Familie, einen Ort, eine Landschaft, eine Ethnie, eine Rasse, eine Religion oder Atheismus, in eine politische Grundeinstellung und einen prinzipiellen Rahmen von Wertehaltung. Dieses “vertraute Territorium” zu verlassen ist je nach Gesellschaftsschicht und religiös-kultureller Verfasstheit, leichter oder schwerer. Für die Meisten stellt sich die Frage nicht. Selbst zahlreiche Künstler finden einen Weg, innerhalb ihrer angestammten Kultur zu arbeiten. Die Globalisierung und das Internet haben ohne Zweifel unsere Welt sichtbarer gemacht und (fast) alle Facetten in die Wohnzimmer und Stuben der ganzen Welt gesendet. Exotik muss heute weit weg gesucht werden (wir fliegen auf den Mars).


muscon vernetzt auf der persönlichen Ebene.

muscon ist wie in Stein, der ins Wasser geworfen wird: er zieht Kreise, immer größere.

Wohl deshalb hat man sogar mich gefunden.


Der letzte Begriff, dessen Kommentierung auch gewünscht war, ist die “Funktionalität”. Als Architektin und Alemannin scheint das ein “einfach Ding” zu sein. Ist es natürlich gar nicht. Der berühmte Architekt Hollein war mir bitterböse, weil ich die Meinung vertrat, der Unterschied zwischen “Kunst” und “Architektur” läge in der “Nutzbarkeit” von umbauten Raum. Hingegen sei die Freiheit der Kunst unermesslich, nicht umsonst gäbe es den Begriff “l`art pour l`art”. Professor Wolf Prix hielt mir ebenfalls entgegen: “Architektur muss brennen” und war wie sein Professoren-Kollege uneins mit meiner Auffassung. Sie sehen, mein Aufsatz reklamiert nicht “Wahrheit” für sich (welch unerreichbare Attitüde!). Ein Laie mag ob dieser Widersprüche in der Architektur-Auffassung neuerlich ratlos werden. Wenn dem so ist: willkommen im Club der Kunstschaffenden! Funktionalität ist ein Begriff, der bei Wikipedia als Funktionalismus Verwendung findet und folgendermaßen definiert wird:


“In Architektur und Design versteht man unter Funktionalismus das Zurücktreten rein ästhetischer Gestaltungsprinzipien hinter den die Form bestimmenden Verwendungszweck des Gebäudes oder des Geräts. Daher stammt der berühmte Ausspruch „Form follows function“ („die Funktion bestimmt die Form“) von Louis Sullivan, der der populären Auffassung entsprang, eine zeitgemäße Schönheit in Architektur und Design ergebe sich bereits aus deren Funktionalität.”


Letztere Auffassung - die von Sullivan - teile ich nicht. Landauf landab gibt es ausreichend Beispiele von Wohnblöcken, die zwar ein Dach über dem Kopf bieten, aber dem Auge Schmerz bereiten, der Seele nicht gut tun können und ganz sicher nicht als “nachhaltig” durchgehen. Wie oft dreht sich in dem Zusammenhang die Diskussion um das Thema “Geld”! Schönes sei auch teuer. Das ist gleichwohl richtig und falsch! Das Simple, Reduzierte, vielleicht Patinierte, oft einfach Vorhandene kann und ist meist wunderschön. Aber ja, es bedarf der Bereitschaft “einen Preis zu zahlen”, um Top Qualität zu bekommen, um edle Materialien zu nützen, um einen sensationellen Blick aus dem eignen Wohnzimmer zu haben. Der Spaziergänger und Wanderer jedoch kann gratis denselben Blick genießen. Das Schneeglöckchen am Waldesrand verströmt seinen frühlingshaft-duftenden Optimismus für Jedermann und der Besuch der gotischen Kathedrale mit dem bewegenden Raumerlebnis eines sakral aufgeladenen, mächtigen Volumens kostet auch keinen Eintritt. Die Musik, die wir hören, trägt uns fort - ganz ohne Flugzeug. Wir sind als Menschen glücklicherweise mit diesen Sinnen ausgestattet:


Hören

Sehen

Tasten

Riechen

Fühlen

Schmecken

und wir können Lachen und Weinen.


So sind wir ganz und gar “Mensch”! Kunst kann also eine spezielle Verbindung zum eigenen Menschsein und zum Menschsein der Anderen herstellen. Es sind Künstler , die uns hin und wieder auf dieses All-Entscheidende hinweisen. Kulturen sind das geballte, historisch gewachsene Tun in diesem Sinnzusammenhang und das Atmen, Bewegen, Denken und Sein ist die “Funktionalität”, der es bedarf, um wahrzunehmen.


Vera Purtscher, im März 2021


Photo © Faruk Pinjo
























Hinweis: Der Inhalt dieses Blogposts / Gastkommentars / Interviews muss nicht die Meinung des Kulturverein muscon widerspiegeln.